Ein Dorfladen als Erfolgsmodell 14.02.15

Bericht der Allgemeinen Zeitung vom 14.02.2015


LANDFLUCHT Der demografische Wandel verstärkt den Bevölkerungsrückgang / Wie Gemeinden darauf reagieren

KREIS BAD KREUZNACH - Seit über 40 Jahren liegen die Geburtenraten in Deutschland deutlich unter dem bestandserhaltenden Niveau. Auch die Zuwanderung kann den Rückgang der Einwohnerzahlen nicht mehr aufhalten. Das hat zur Folge, dass Infrastruktur für immer weniger Menschen instand gehalten werden muss: Die Kosten pro Person steigen.

Das Statistische Bundesamt erwartet, dass in Deutschland 2050 mindestens zwölf Millionen Menschen weniger leben als heute. Gleichzeitig schafft der wirtschaftliche Strukturwandel zwar neue Arbeitsplätze – aber sie entstehen vor allem in den Metropolregionen.

In ländlichen Randgebieten geht dagegen Beschäftigung verloren. Besonders junge Menschen, und damit potenzielle Eltern, folgen dem Ruf der Zentren. Diese Entwicklung bekommen auch die Verbandsgemeinden Kirn, Bad Sobernheim und Rüdesheim zu spüren.

 
Weniger als 50 Einwohner

Im Kreis Bad Kreuznach gibt es Dörfer, die weniger als 50 Einwohner haben. Viele Häuser stehen leer. Buslinien werden eingestellt, weil sie sich nicht mehr lohnen. Nebenstraßen verfallen. „Viele Gemeinden können die in den sechziger und siebziger Jahren großzügig ausgebaute Infrastruktur nicht mehr bezahlen“, erläutert Marco Rohr, Demografiebeauftragter der Kreisverwaltung. „Mit den jungen Leuten verschwinden Geschäfte, Betriebe und Steuereinnahmen.“

Keine Arbeitsplätze, keine Kindergärten, keine Schule, kein Gasthaus, keine Läden. In der Studie „Die Zukunft der Dörfer“ (2011) des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung heißt es: „Der Bevölkerungsschwund wird sich in den kommenden Jahren durch die demografische Entwicklung deutlich beschleunigen. Dadurch sind mittelfristig zahlreiche Dörfer in ihrer Existenz gefährdet.“ Entscheidend ist dabei: „Je größer die Entfernung zu Großstädten mit Schulen, Krankenhäusern oder Einkaufsmöglichkeiten ist, desto stärker fällt tendenziell der Bevölkerungsrückgang aus.“

Schon fordern Experten, für abgelegene Gebiete auf dem Land kein Geld mehr auszugeben. Abreißen und der Natur überlassen – dieser Gedanke mag schon so manchem Politiker gekommen sein, wenn er Dörfer im Hunsrück und der Westpfalz gesehen hat, die rapide an Einwohnern verlieren.

Droht einigen Dörfern im Kreis Bad Kreuznach diese Entwicklung? „Öffentlich würde das wohl kaum ein Bürgermeister laut sagen“, ist sich Marco Rohr sicher. „Allerdings stellt sich schon die Frage, wer die sehr kostenintensive Sanierung der Wasserleitungen bezahlt, die demnächst ansteht oder inwiefern sich die Versorgung mit schnellem Internet in dünn besiedelten Gebieten lohnt.“

 
Mut für neue Impulse

Manchmal braucht es aber auch einfach den Mut, etwas auszuprobieren und neue Impulse für die Dorfentwicklung zu setzen, wenn herkömmliche Versorgungskonzepte an Grenzen stoßen. So geschehen in Hergenfeld in der Verbandsgemeinde Rüdesheim. 485 Hergenfelder leben in 170 Haushalten. Bis 2007 war es für ältere Leute schwer, in der Nähe einzukaufen, der nächste Supermarkt war elf Kilometer entfernt. Die Einwohner beschlossen daher: „Es muss etwas passieren.“ Gesagt, getan: Es wurde ein wirtschaftlicher Verein gegründet, deren Vorsitzender Bürgermeister Martin Theis ist. Seit nunmehr acht Jahren betreiben Ehrenamtliche und vier 450-Euro-Kräfte den Laden, der sogar Gewinn erwirtschaftet.

Im Hergenfelder Dorfladen finden die Menschen vor allem Lebensmittel und Drogerieartikel für ihren täglichen Bedarf. Das Angebot ist gut, die Preise sind moderat, längst nicht nur Senioren kaufen ein. „Wir wollen Regionales wieder mehr in den Vordergrund rücken“, sagt Verkäuferin Manuela Prozeller.

Mit diesem Konzept ist die Gemeinde Vorbild für viele andere kleine Orte in Rheinland-Pfalz. Es kommen sogar Reisegruppen aus dem ganzen Land in das Dorf, um sich das Ladenkonzept an- und gegebenenfalls abzuschauen. Und die Hergenfelder müssen zum Einkaufen nicht mehr bis Wallhausen oder Bad Kreuznach fahren.